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Auszug aus der Reportage "Bei Licht betrachtet" aus dem ADAC reisemagazin Schweden. Text von Christiane Zander_
Wer wen zuerst sah, bleibt ungeklärt. Verdutzt stehen wir uns gegenüber; sein langes Gesicht ist so rührend komisch, dass ich sofort hingerissen bin. Er ist der erste wilde Elch in meinem Leben! Leider bin ich zu weit gegangen - erschrocken dreht er sich um und schlingert krachend in den Wald zurück, aus dem er eigentlich gerade kommen wollte. Wahrscheinlich auf dem Weg zum nächsten Vorgarten, mutmaßt mein Begleiter Gösta Helldal. Um gepflegte Blumenrabatten zu verzehren.
Elche sind seltsame Geschöpfe; dermaßen konfus im Kopf, dass sie zum Beispiel bei dem leisesten Motorengeräusch auf die Straße stürmen. In der Hoffnung, dort vor dem Verkehr sicher zu sein. Das wusste ich schon von Bill Bryson, dem amerikanischen Reiseschriftsteller. Schwedens Elche bezahlen diesen Irrtum mit etwa 5000 Unfallopfern im Jahr - allein in den eigenen Reihen.
Meinen Elch hat offensichtlich die Mittsommersonne aus dem Konzept gebracht. Am lichten Tag setzt er hier, am Ortsrand von Mora, seine Gesundheit aufs Spiel - anstatt zu schlafen, wie es die meisten seiner Artgenossen vernünftigerweise tun. Erst am Abend werden schwedische Wildtiere munter; dann ist die Hitze milder und das Licht gedimmt - aber zum Fressen hell genug. Und auch zum Touristen-Gucken, denn schließlich hat das schwedische Nationaltier eine Verpflichtung zu erfüllen: die Elchgarantie, die Reiseveranstalter leichtsinnigerweise in ihre Prospekte schreiben. "Wir halten sie immer ein", behauptet Gösta. "Elchgarantie heißt: Der Elch sieht dich!"
Midsommar ist ein schwedisches Zauberwort. Es bedeutet Licht und Tanz, Maibaum und Akkordeon, Hering mit neuen Kartoffeln, Erdbeerkuchen und Schnaps; es heißt Baden abends um zehn und Zeitunglesen um Mitternacht. Midsommar hat mehr Bedeutungen als Stunden; ein Lebensgefühl, das sich überschlägt - weil es so kurz am Leben ist.
So kurz wie der Sommer in diesem Land. Und so lang wie der längste Tag des Jahres. Ihn machen die Schweden zum Fest der Feste, weil sie sich in so vielen dunklen Monaten nach ihm sehnen; mehr als nach Weihnachten und Silvester zusammen. Und es stört sie nicht, dass sie ihn aus organisatorischen Gründen hin- und herschieben zwischen dem 20. und 26. Juni - denn es muss wie immer ein Freitag sein.
Nur in Dalarna gehen die Uhren anders. Es fängt schon damit an, dass diese Provinz alles hat, was sonst in dem großen Land gerecht verteilt ist: blaue Seen, grüne Wälder, rote Häuser, Berge, Almen und Täler - ganz Schweden im Taschenformat. Man könnte glauben, dass sogar die Nationalhymne in Dalarna geschrieben worden sei. Sie handelt vom Land der hohen Berge, von Stille und Frohsinn - gerade den dehnt man hier, im Herzen von Schweden, bis zum letzten Lichtstrahl aus: Die Leute in Dalarna feiern den längsten Tag des Jahres nicht an einem Wochenende, sondern an sieben. Mindestens - listig verstreut auf verschiedene Orte. So kann jeder auch noch im Nachbardorf die tapferen Männer anfeuern, wenn sie den neuen Maibaum 20 Meter Richtung Himmel stemmen. Verteilte Freude ist hundertfache Freude. Unser Freund Gösta sagt, 300 bis 400 Maibäume stünden rund um den Siljansee - für 56 000 Einwohner.
Am 30. Juni um 15 Uhr fiebert das kleine Dorf Heden seinem Glücksmoment entgegen. Aufgebockt liegt der Maibaum bereit, festlich dekoriert. Sein Schmuck aus Birkenzweigen und Blumen, Kränzen und Ringen gibt ihm auch den Namen: Majstång nennen ihn die Leute in Dalarna, nach dem altschwedischen Wort maja - bekleiden. Noch schöner allerdings haben sich die Menschen herausgeputzt; sie kommen in herrlicher Tracht, mit Blumenkranz oder lustigem Hut auf dem Haar. Ein Ponywagen karrt das kleine Orchester herbei: Kinder spielen Geige, und das Pferd trägt Birkengrün hinter den Ohren.
Schrittweise wuchten 20 Männer die Stange nach oben, angefeuert von 150 Hedenern und ebenso vielen Zaungästen. Nach jedem Ruck ertönen die Geigen, röten sich die Gesichter. "Alles nur halb so schwer, wie es aussieht", meint Kerstin Hopstadins, die uns liebenswürdig und fachkundig durch das unbekannte schwedische Ritual hilft. "Es ist viel komplizierter, die Stange herunterzuholen, und das machen nur vier Männer." Aber die haben eben kein Publikum.
Kerstin Hopstadins ist im nahen Städtchen Leksand zu Hause. Eine Weile hat sie in Schottland gelebt - doch zu Midsommar kehrte sie immer in ihre Heimat zurück. Zu jeder anderen Jahreszeit fahren Schweden auch gern Richtung Süden - aber Midsommar in der Ferne? Niemals. Oder nur, wenn es gar nicht anders geht. "Das Licht macht etwas mit uns", sagt Kerstin. Was genau, überlässt sie der Fantasie des Fremden.
Kerzengerade steht nun für ein neues Jahr der Maibaum an der Weggabelung von Heden - als Symbol der Fruchtbarkeit. Bevor er nun umtanzt und besungen wird, ergreift der diesjährige Zeremonienmeister das Wort. Er spricht von den glücklichen Tagen im Dorf, vom Sommer, von den Menschen und ihrem Zusammenhalt. Auch das berühmteste schwedische Pferd wird gepriesen, das Dalahäst. Rot oder blau lackiert, repräsentiert das hölzerne Tier - neben dem Königspaar - seit Jahrzehnten sein Land. "Früher", sagt der Redner, "haben die Pferde die Menschen getragen. Heute tragen Menschen die Pferde in die Welt." Kann es Zufall sein, dass die Heimat des beliebten Souvenir-Pferdchens Dalarna ist? In keiner anderen schwedischen Provinz wird die Tradition so begeistert gelebt wie hier.
Hedens Mittsommerfest endet bei Kaffee und Kuchen auf der Schulwiese. Kein Schnaps? "Kein Schnaps", sagt Kerstin, "einstimmiger Dorfbeschluss." Wohl eher eine Ausnahme im kollektiven schwedischen Ausnahmezustand. Sommerzeit ist Partyzeit, in der man nicht immer nach dem Gesetz lebt. Sagt Kerstin - und meint wahrscheinlich das Null-Promille-Gebot für Autofahrer.
Midsommar beschert auch Kindern eine Ausnahme. Es ist die einzige Nacht, in der sie nicht ins Bett müssen. Gleich hinter Mora, in einer grün überwucherten Bucht, balancieren fünf Bilderbuchkinder im Dämmerlicht über einen glitschigen Holzsteg. In Abenteuerkluft und wild bemalt steuern sie einen alten Kahn an. Er ist natürlich ein Hausboot, denn kein Schwede kann ohne Sommerhäuschen überleben. Umso besser, wenn es auch noch schwimmt!